Grußwort
  von Charlotte Knobloch  
     
Am 10. Dezember 1894 wird Gertrud Chodziesner als älteste Tochter des Rechtsanwaltes Ludwig Chodziesner und seiner Frau Elise, geb. Schönflies, in Berlin geboren. Schon 1917 erscheint, unter ihrem Künstlernamen Kolmar, der erste Gedichtband der jungen Frau, positiv rezensiert, aber im Kriegsjahr weitgehend unbeachtet. Leidenschaftlich lesen sich diese ersten Gedichte, eine einzige Verachtung der bürgerlichen Moral und der Zwänge der Wilhelminischen Gesellschaft.
Sie beginnt, als Dolmetscherin und Erzieherin zu arbeiten. Unabhängig will sie sein, bis sie sich durch das Schreiben ernähren kann.
"Ich bin eine Dichterin, ja, das weiß ich", schreibt sie selbstbewusst.
Sie beschäftigt sich mit großen Themen. Die Zyklen über Robespierre und "Welten" entstehen. Aber als ihr zweiter Lyrikband erscheint, sind die Nazis bereits an der Macht. Der dritte Band mit dem Titel Die Frau und die Tiere wird 1938 mit dem Verbot des jüdischen Verlages eingestampft. Während die Geschwister emigrieren, muss Gertrud, die den Vater nicht allein zurücklassen will, 1939 nach dem Zwangsverkauf ihres Hauses in die qualvolle Enge eines "Judenhauses" umziehen. Die Erzählung Susanna entsteht auf den letzten Papierfetzen, von der Schwägerin Hilde Benjamin vor der Gestapo mit dem gesamten unveröffentlichten Nachlass gerettet. Auch Hilde Benjamin, spätere Justizministerin der DDR, muss hilflos der Deportation der Restfamilie zusehen. Ludwig Chodziesner ist 81 Jahre, als er 1942 nach Theresienstadt deportiert wird. Er stirbt im Februar 1943. Die Nachricht erhält seine Tochter nicht mehr. Am 27. Februar wird sie vom Arbeitsplatz im Rahmen der sogenannten "Fabrikaktion" nach Auschwitz deportiert.

Ein Stück über Gertrud Kolmar auf die Bühne zu bringen, bedeutet, die Frau, Dichterin, Jüdin und Deutsche mit ihrem Werk zu zeigen, denn Gertrud Kolmars Werk ist "in hohem Maße autobiografisch geprägt", wie ihre Biografin Johanna Woltmann feststellt. Ihre späteren Gedichte verteidigen die Ausgestoßenen, Entkräfteten, Verfolgten, ob sie sich nun in der Gestalt von Schlangen, Kröten oder Krähen zeigen oder als ihrer Identität und Freiheit beraubten Menschen erscheinen. Im "Wort der Stummen" gibt sie ihnen ihre Stimme. Gertrud Kolmar schrieb noch unter Lebensumständen, die andere in den Freitod trieben oder die vor Entkräftung verstummten. Schreiben bedeutet für sie, "jede Ungunst von Zeit und Raum zu besiegen ... Ein Zeichen, dass da ... ein Wurzelhaftes ist, das sich nicht ausreißen lässt und trotz allen Abschneidens, allen Wegzupfens stets wieder keimt und emporschießt."

Dies schrieb Gertrud Kolmar 1942, wenige Monate bevor sie ermordet wurde. Den Mördern gelang es nicht, ihre Stimme zum Schweigen zu bringen. Sie soll nun nicht länger nur auf dem Papier stehen.
"Denn sieh, du blätterst einen Menschen um", schreibt Gertrud Kolmar, und so hoffe ich mit ihr "Du hörst was spricht. Vernimmst du auch was fühlt?"

Gertrud Kolmars Leben ist eines unter vielen. Es erinnert daran, dass der Holocaust aus einer Summe von Einzelschicksalen besteht. Die Erinnerung daran unter vieIen zu verbreiten, verdient Anerkennung. Darüber hinaus gab es und wird es immer despotische Staats- und Gesellschaftsformen geben, die Frauen an ihrem Sein hindern. Unter dem dünnen Deckmantel politischer oder religiöser Ideologien werden Frauen auch heute verfolgt, verstümmelt, eingesperrt, verhüllt, ermordet, von Schul- und Ausbildung ausgeschlossen und damit an der Ausübung eines Berufes gehindert, zumal Künstlerinnen, die in besonderem Maße verfolgt werden. Es gilt, solchen Gewalttätigkeiten zu begegnen, den Anfängen zu wehren und zu warnen.

In diesem Sinne wünsche ich der Uraufführung "Liebe Trude" guten Erfolg.


Charlotte Knobloch

Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland
Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern